Wenn Literatur Angst macht: Experteninterview I mit Edeltraud Rieß

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Edeltraud Rieß

Die Auseinandersetzung mit dem Jugendbuch Die letzten Kinder von Schewenborn hat bei mir viele Fragen ausgelöst. In meinem Artikel „Wenn Literatur Angst mache“ habe ich beschrieben, welche Gedanken und Beobachtungen bei mir entstanden sind, nachdem mein Kind das Buch im Schulunterricht lesen sollte – und welche Reaktionen sich während der Lektüre in der Klasse gezeigt haben.

Gleichzeitig wurde mir bewusst, wie unterschiedlich Kinder auf belastende Inhalte reagieren können. Während manche Jugendliche solche Geschichten mit Distanz lesen, erleben andere die geschilderten Szenen sehr intensiv und tragen die inneren Bilder noch lange mit sich.

Um diese Perspektive fachlich zu vertiefen, habe ich meine Kollegin Edeltraud Rieß gebeten, ihre traumasensible Sichtweise zu teilen. Ich freue mich sehr, dass sie sich bereit erklärt hat, mir einige Fragen zu beantworten.

Kinder verarbeiten Inhalte nicht nur kognitiv, sondern auch körperlich und emotional.

Edeltraud Rieß

Edeltraud Rieß ist staatlich anerkannte Erzieherin und arbeitet in der Begleitung von Menschen mit psychischer und geistiger Beeinträchtigung. Neben ihrer pädagogischen Ausbildung verfügt sie über zahlreiche Weiterbildungen im Coaching- und Beratungsbereich, unter anderem in Neurosystemischer Integration®, Life Balance Coaching, Hypnose, dem Yager-Code sowie in psychologischer Beratung und nondirektiver Gesprächstherapie nach Carl Rogers. In ihrer Arbeit verbindet sie pädagogische Erfahrung mit einem traumasensiblen Blick auf Entwicklung und Begleitung.

Kann eine Lektüre wie Die letzten Kinder von Schewenborn – auch wenn sie fiktiv ist – unbewusst alte oder eingeschlossene Ängste aktivieren oder neue Ängste auslösen?

Kurz gesagt ja kann sie. Kinder und Jugendliche haben viel Fantasie und können sich gut in Bücher hineinfühlen und da unser Gehirn nicht zwischen Realität und Fiktion unterscheiden kann ist dies durchaus möglich. Je nachdem welche Erfahrungen, Erlebnisse die Kinder und Jugendlichen gemacht haben können alte, gespeicherte Ängste wieder aktiviert werden, indem sich das Nervensystem wieder an sie erinnert, z. B. zu viel Verantwortung musste in der Kindheit getragen werden, Bedrohung oder Unsicherheiten im nahen Umfeld. 

Ein empathisches feinfühliges Kind/Jugendlicher kann ebenfalls ängstlicher reagieren. Dadurch kann körperlicher Stress entstehen, auch wenn den Kindern/Jugendlichen klar ist, dass es sich um ein Buch handelt. Neue Ängste können angestoßen werden, da die Geschichte an eine aktuelle Lebenssituation andockt/erinnert. Somit können dich die Kinder/ Jugendlichen schnell hilflos und überfordert fühlen. Oft kann dies von den Kindern/Jugendlichen nicht richtig eingeordnet werden, da diese Vorgänge überwiegend unterbewusst ablaufen.

Wie wichtig ist aus deiner Sicht die seelische Reife oder Stabilität eines Kindes, um solche Inhalte verarbeiten zu können, ohne überfordert zu werden?

Aus meiner Sicht spielt die seelische Reife eines Kindes eine große Rolle, da diese bestimmt, wie gut ein Kind die Inhalte des Buchs verarbeiten kann. Wichtig zu erwähnen ist, dass Kinder nicht nur kognitiv verarbeiten, sondern auch körperlich und emotional. Die Distanz zur Realität und Fiktion ist vor allem bei jüngeren Kindern weniger gegeben, da es für sie schwieriger ist zwischen: ich lese „nur“ das Buch (Fiktion) oder ich erlebe dies (Realität) gerade wirklich
zu unterscheiden.

Daher spielen:
– Emotionale Sicherheit
– Entwicklungsstand des Gehirns
– Vorerfahrungen
– Sensibilität
– Aktuelle Lebenssituation
– eine tragende Rolle.

Wichtig hierbei ist: Es geht nicht um Alter oder Intelligenz, sondern um innere Stabilität, Zugang zu Gefühlen, eine sichere Umgebung, Vertrauen zu Bezugspersonen und um die Begleitung der Kinder im Leseprozess.

Welche langfristigen Eindrücke können Bücher mit apokalyptischen oder hoffnungslosen Themen bei Kindern hinterlassen, selbst wenn sie im Unterricht begleitet werden?

Es bedeutet nicht zwangsläufig, dass die Kinder „Schaden nehmen“. Solche Geschichten hinterlassen jedoch Spuren, wie innere Bilder, Gefühle etc., die sich im Nervensystem manifestieren können, wenn das Kind dafür empfänglich ist.
Schnell kann der Eindruck entstehen: die Welt ist kein sicherer Ort oder das Vertrauen/Sicherheitsgefühl in Institutionen kann erschüttert werden. Es können Zukunftsängste entstehen.

Nachwirkungen eines Buches können sich z. B. durch:

– Wiederkehrende Fragen zur Zukunft
– Rückzug
– Albträume, Schlafstörungen
– Kontrollbedürfnis
– Verstärkte Reaktion auf Geräusche oder negative Nachrichten

zeigen.
Entscheidend ist der Umgang, Halt, Resonanz und Sicherheit, welche die Kinder/Jugendlichen während des Lesens und danach erleben, sowohl von den Lehrkräften als auch den Eltern.

Wie kann eine Lehrkraft traumasensibel reagieren, wenn sie merkt, dass ein Kind mit bestimmten Inhalten emotional überfordert ist?

  • Als allererstes das Kind ernst nehmen, dem Kind zugewandt und ohne Bewertung begegnen.
  • Das Nervensystem des Kindes entlasten (z. B. Orientierung im Raum, erden, bewusst atmen) und
  • das Kind (mit der Problematik) nicht in den Mittelpunkt zerren,
  • die Reaktion des Kindes normalisieren (manche Stellen im Buch sind ganz schön schwer, dass du das im Körper fühlst ist nicht außergewöhnlich, das passiert vielen).
  • Wahlmöglichkeiten anbieten: Du kannst kurz rausgehen./Brauchst du eine Pause?
    – Unterricht flexibel gestalten, Inhalte gegebenenfalls anpassen (evtl. Passagen aus dem Buch weglassen)
    – bei Bedarf die Eltern mit einbeziehen
  • Nicht nach Details fragen oder gar analysieren.
  • Nach dem Unterricht auf das Kind zugehen. Wie geht’s dir jetzt? Brauchst du noch etwas? Sag mir bitte Bescheid, wenn es dir zu viel wird, dann finden wir eine Lösung, die dir gut tut.

Was wäre aus deiner Sicht ein traumasensibler Weg, Kinder und Jugendliche an schwierige Themen wie Krieg, Verlust oder Zerstörung heranzuführen, ohne sie zu überfordern?

Als erstes eine sichere, ruhige Umgebung schaffen.
Eine regulierte Vertrauensperson.
Regeln vereinbaren, bevor das Buch gelesen wird (z. B. ihr dürft jederzeit eine Pause machen, wenn ihr eine Pause benötigt, Regulationsübungen: Orientierung im Raum, Atemübungen vorab besprechen).
Die Kinder nicht überfordern. Lieber weniger Abschnitte lesen und diese genau mit den Kindern besprechen, immer wieder nachfragen, wie es den Kindern damit geht.
Bewegungspausen zum Integrieren der Inhalte einbauen.
Die Kinder ihre Gefühle und Körperempfindungen benennen lassen:
Macht dich das traurig/wütend/verwirrt, wenn du das liest?
Wenn du das liest, nimmst du das in deinem Körper wahr? Wenn ja, wo?
Immer wieder differenzieren:
Dies passiert im Buch, nicht im Hier und Jetzt.
Hier bist du sicher.
Jedes Kind ist aufgrund seiner Erfahrungen und Geschichte individuell zu betrachten. Was für manche Kinder „einfache Kost“ sein mag, kann für andere Kinder „schwer verdaulich“ sein. Daher ist es wichtig**,** auch mit den Inhalten individuell umzugehen und bei Auffälligkeiten evtl. die Eltern zu Rate zu ziehen.

Ich danke dir für deine Antworten!
Wo findet man dich im Internet?

https://www.erleben-coaching.de

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