Die Auseinandersetzung mit dem Jugendbuch Die letzten Kinder von Schewenborn hat bei mir viele Fragen ausgelöst. In meinem Artikel „Wenn Literatur Angst mache“ habe ich beschrieben, welche Gedanken und Beobachtungen bei mir entstanden sind, nachdem mein Kind das Buch im Schulunterricht lesen sollte – und welche Reaktionen sich während der Lektüre in der Klasse gezeigt haben.
Gleichzeitig wurde mir bewusst, wie unterschiedlich Kinder auf belastende Inhalte reagieren können. Während manche Jugendliche solche Geschichten mit Distanz lesen, erleben andere die geschilderten Szenen sehr intensiv und tragen die inneren Bilder noch lange mit sich.
Um diese Perspektiven fachlich zu vertiefen, habe ich zwei Kolleginnen eingeladen, ihre Sicht zu teilen. Christina Andresen ergänzt den Blick aus der Arbeit mit hochsensiblen Menschen und der Frage, wie ein fein abgestimmtes Nervensystem auf belastende Inhalte reagieren kann.
Wichtig ist es Gespräche anzubieten, Gefühle zu spiegeln und Sicherheit zu vermitteln. Es sollte Raum für Pausen da sein und Rückzug ermöglicht werden.
Christina Andresen

Christina Andresen arbeitet als Mentorin für hochsensible Menschen. In ihrer Arbeit verbindet sie Spiritualität, Resilienztraining und Yoga. Ihre eigene Hochsensibilität erlebte sie zunächst als Herausforderung. Heute versteht sie sie als bewusste Ressource und als Stärke, die ihre Arbeit prägt. Sie unterstützt insbesondere Frauen dabei, ihr fein abgestimmtes Nervensystem besser zu verstehen, gesunde Grenzen zu entwickeln und ihre Sensibilität als innere Stärke zu verkörpern. Die Fragen in diesem Artikel beantwortet sie sowohl aus ihrer eigenen Erfahrung als hochsensible Frau als auch aus ihrer langjährigen Begleitung von Menschen.
1. Du arbeitest mit hochsensiblen Menschen und bist selbst hochsensibel. Außerdem hast du als Schülerin „Die Wolke“ von Gudrun Pausewang gelesen, das ebenfalls ein sehr erschütterndes Buch ist – Kannst du dich noch erinnern, wie es für dich war, dieses Buch zu lesen? Was passiert aus deiner Erfahrung im Inneren von hochsensiblen Kindern oder Jugendlichen, wenn sie mit sehr belastenden Themen wie Krieg, Katastrophen oder menschlichem Leid konfrontiert werden?
Die Geschichte hat mich noch lange begleitet und war als Gefühl sehr präsent. Dabei waren es nicht die einzelnen Szenen, sondern mehr das Gefühl von existentieller Angst und Hilflosigkeit. Dieses Gefühl des Ausgeliefertseins, wenn so etwas passiert, war sehr lange innerlich verankert. Hochsensible Personen tauchen beim Lesen oft sehr stark in die Geschichte emotional ein. Die Geschichte fühlt sich teilweise so real an, wie eine eigene Erfahrung, da sie innerlich miterlebt wird. Es geht weit mehr über das Mitfühlen hinaus, sondern ist quasi ein Durchleben. Aus meiner Erfahrung können Themen wie Krieg, Katastrophen und Leid bei hochsensiblen Kindern Folgendes auslösen:
- erhöhte Alarmbereitschaft des Nervensystems,
- ein langes Nachwirken von Bildern, die immer wieder auftauchen,
- tiefes Mitfühlen,
- ein Vermischen der Geschichte und der Realität
Hochsensible Kinder nehmen Eindrücke oft intensiver wahr und verarbeiten sie länger nach. Welche besonderen Herausforderungen können dadurch entstehen, wenn sie Geschichten lesen, die Angst, Ohnmacht oder Hoffnungslosigkeit enthalten?
Eindrücke werden von hochsensiblen Kindern intensiver verarbeitet. Deswegen kann die Folge einer belastenden Geschichte sein, dass Grübelschleifen und Alpträume ausgelöst werden. Dies kann nach meiner Erfahrung zu Ängsten und dem Gefühl des Kontrollverlustes führen.
Macht es aus deiner Sicht einen Unterschied für hochsensible Kinder, ob sie belastende Inhalte freiwillig konsumieren oder im schulischen Kontext dazu verpflichtet sind, sich damit auseinanderzusetzen?
Ja, aus meiner Sicht macht das einen großen Unterschied. Wenn ein Buch freiwillig gelesen wird, besteht eine innere Bereitschaft und Selbstbestimmung. Das führt dazu, dass das Nervensystem eher reguliert bleibt, da kein Zwang, sondern eine Freiwilligkeit besteht. Die Möglichkeit das Buch nicht weiterzulesen, wenn es sich nicht stimmig anfühlt, gibt Sicherheit und Entscheidungsfreiheit. Im schulischen Kontext besteht die Möglichkeit des Beendens, Pausierens nicht und dies kann zu Stress und Überforderung führen.
Welche Auswirkungen können solche Inhalte langfristig auf das Sicherheitsgefühl, das Vertrauen ins Leben oder das Weltbild hochsensibler Kinder haben?
Ohne gute Begleitung können meiner Meinung nach die Folgen sein, dass die Welt als generell gefährlicher Ort eingeschätzt wird und ein Misstrauen gegenüber der Welt entsteht. Anspannung, Rückzug und Zukunftsängste treten möglicherweise auf. Bei einer guten Begleitung kann die Resilienz gestärkt werden. Entscheidend ist nicht so sehr der Inhalt, sondern wie die Kinder begleitend unterstützt werden.
Was würdest du Eltern oder Lehrkräften raten, wenn hochsensible Kinder mit emotional schweren Themen in Büchern oder im Unterricht konfrontiert werden? Wie kann gute Begleitung aussehen?
Wichtig ist es Gespräche anzubieten, Gefühle zu spiegeln und Sicherheit zu vermitteln. Es sollte Raum für Pausen da sein und Rückzug ermöglicht werden. Hilfreich kann auch körperliche Regulation (Bewegung, Atemübungen…) oder kreativer Ausdruck (Malen, tanzen…) sein. Wichtig ist der sichere Raum, vor allem bei schwierigen Themen.
Welche Rolle spielen Hoffnung, Orientierung und positive Perspektiven für hochsensible Kinder, damit sie schwierige Themen gesund verarbeiten können?
Da hochsensible Kinder stark in emotionale Tiefen eintauchen benötigen Sie Perspektiven von Menschlichkeit, Sinnhaftigkeit, Beispiele für Solidarität und Mut, sowie Lösungsansätze. Viele haben eine tiefe Sehnsucht nach Gerechtigkeit. Deswegen sollten schwierige Themen mit Hoffnung, Handlungsmöglichkeiten und positiven Beispielen verknüpft werden. So kann Vertrauen gestärkt werden.
Liebe Christina, danke für deine Expertise! Wo kann man dich und deine Angebote finden?
Webseite: https://christina-andresen.de
instagram: @Christina.andresen_
Ein Kommentar